Neubau Propsteikirche St. Trinitatis

Leipzig
Abendlicht über der Propsteikirche ST. Trinitatis Quelle: RobKohl CC-BY-SA 4.0
Abendlicht über der Propsteikirche ST. Trinitatis Quelle: RobKohl CC-BY-SA 4.0
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Mit dem Neubau der Propsteikirche St. Trinitatis in Zentrum der Stadt fand die über siebzig Jahre andauernde Odyssee der Leipziger Propsteigemeinde ein Ende. Nach der schweren Beschädigung der 1847 errichteten, ersten Leipziger Trinitatiskirche in unmittelbarer Nähe zur Altstadt wurde die Ruine zusammen mit dem Versprechen auf einen Neuanfang für die Gemeinde 1954 gesprengt. Für den Neubau (nach Plänen der Bauakademie der DDR) wurde der Gemeinde ein Grundstück außerhalb der Leipziger Innenstadt zugewiesen. Der 1982 fertiggestellte Zweckbau wies jedoch aufgrund schlechter Gründungsverhältnisse schon wenige Jahre später erhebliche Baumängel auf. 2008 verhandelte die Gemeinde mit der Stadt Leipzig über ein neues Baugrundstück und damit über die „Rückkehr in die Stadt“.

In prominenter Lage, zwischen dem höhendominanten Neues Rathaus und dem Wilhelm-Leuschner-Platz, galt es einen Ort zu definieren, der sich respektvoll einfügt und entlang des städtischen Platzes sowie des Innenstadtrings eine deutlich wahrnehmbare Kante ausbildet.

Ihre Präsenz erhält sie durch den hohen Kirchenbaukörper und den Kirchturm, vor allem aber durch die einladende Offenheit des Pfarrhofs. Der Unterschnitt im Erdgeschoss greift das Motiv des Leipziger Passagensystems auf und leitet von der Innenstadt in den Pfarrhof. Die Silhouetten von Kirche und Rathaus definieren entlang des Martin-Luther-Rings eine städtebauliche Torsituation. Sie markiert den Auftakt für die weitere Entwicklung des angrenzenden Stadtraums mit der S-Bahn-Station Wilhelm-Leuschner-Platz, dem künftigen Einheitsdenkmal und dem Areal Nonnenmühlgasse. Mit seiner Hülle aus gemauertem Rochlitzer Porphyr bekennt sich der Bau zu Region und Tradition.

Einer der Gründe für das heute weit über Leipzig hinausreichende Interesse am Bau der neuen Propsteikirche war das Ziel die Gemeinde frühzeitig konsequent dem Leitbild der Nachhaltigkeit zu folgen. Beginnend mit dem Architektenwettbewerb über die frühen Planungen und die Bauphase bis hin zu verbesserten Betriebsmöglichketen wurde dieses Ziel durch die ee concept GmbH befördert. Für den Neubau der Propsteikirche wurde dazu durch alle Planer - begleitet durch mehrere Forschungsvorhaben - ein bauliches Konzept entwickelt und umgesetzt, in der hohe Behaglichkeit für die Nutzer und Dauerhaftigkeit des Gebäudes im Mittelpunkt der Planung stand. Sie steht für Langlebigkeit bei trotzdem hohem Komfortniveau im Bauen.

 

Wettbewerbsverfahren

Gegenstand des Wettbewerbs war die Bauwerksplanung sowie die zugehörige Freianlagenplanung für den Neubau der Propsteikirche St. Trinitatis einschließlich eines Pfarrzentrums mit Gemeinderäumen, Verwaltungsbereichen und Wohnungen. In besonderem Maße waren das liturgische und pastorale Konzept, die städtebaulichen Maßgaben an die Einordnung des Neubaus in das innerstädtische Umfeld, die Grundsätze des nachhaltigen Bauens sowie die Anforderungen an eine hohe Energieeffizienz zu berücksichtigen, um die höchstmögliche Architekturqualität, Gesamtwirtschaftlichkeit und Behaglichkeit mit einem möglichst geringen Einsatz von Energie und Ressourcen zu erzielen. Das Projekt wurde als Forschungsvorhaben konzipiert und von der Deutschen Bundesstiftung Umwelt (DBU) gefördert.

  1. Preis: schulz und schulz architekten gmbh, Leipzig
    Dem Preisträger gelang es, das gestalterische Repertoire mit den Nachhaltigkeitsanforderungen zu verknüpfen. Auszug aus der schriftlichen Beurteilung des Preisgerichts: „[…] Das Konzept integriert in den komplexen Zusammenhängen von Funktion, Ästhetik und Städtebau umfassend die Kriterien des nachhaltigen Bauens und ist zudem flächeneffizient und ressourcensparend entwickelt. […]“
  1. Preis: Allmann Sattler Wappner Architekten, München
  2. Preis: meck architekten, München

Die ee concept gmbh begleitete von der Grundlagenermittlung, über die Auslobung und Vorprüfung bis zur Preisgerichtssitzung das gesamte Verfahren. Beim Wettbewerb verdeutlichten Balkendiagramme relevante Planungskennwerte unmittelbar die Positionierung jeder Arbeit verglichen mit dem Wettbewerbsdurchschnitt. Unter Bezugnahme auf diese Messgrößen enthielten Kurztexte zu 20 Nachhaltigkeitskriterien auch qualitative Merkmale.

 

Planungsphase

Für den aus dem Wettbewerb erfolgreich hervorgegangene Beitrag wurden in der Folge im Sinne einer nachhaltigen Umsetzung über integrale Planung mit Forschungsbegleitung, detaillierte energetische Berechnungen, Ökobilanzen und Schadstoffprüfungen konkretisiert. Maßgeblich für das Projekt war die gemeinsame Zielformulierung von Bauherrn und Planern, die sich in 6 Schwerpunkten (Energie, Material, Wasser, Versorgungssicherheit, Instandhaltungsfähigkeit, Komfort + Gesundheit und Energie) unter dem Leitgedanken der Langlebigkeit abzeichnen. Alle Aspekte mündeten in die umfassende Lebenszyklus-Betrachtung. Mit der zeitlosen Gestaltung und optischen Einbindung von Alterung in den Gebäudeentwurf wurde hierzu der Grundstein gelegt. Ferner wurde das TGA-Konzept über eine Lebenszyklusbetrachtung gewählt. Besonders aufwändige und austauschrelevante Bauteile wurden mittels Ökobilanzen optimiert. So ermöglicht z.B. die Entscheidung für eine Schaumglasdämmung an der Fassade eine signifikante Verringerung der Umweltwirkungen, da damit langfristig Austausch- und zusätzliche Herstellungsprozesse eingespart werden können. Im Gegensatz zu bauüblichen Lösungen kann dabei eine Nutzungszeit von weit über 100 Jahren erreicht werden.

In der Betriebsenergie unterschreitet das Gebäude den zulässigen Energiebedarf nach EnEV um mehr als 70 Prozent. Die auf Geothermie basierende Wärmeversorgung wird im Sommer auch zur Kältebereitstellung genutzt. Sie wird unterstützt durch zwei Photovoltaikanlagen. Die Turmanlage transportiert dabei sichtbar PV als energetisches Image. Mit zwei Zisternen wird das gesamte lokale Regenwasser für den Betrieb des Gebäudes genutzt. Im Katastrophenfall könnte das System auch autark betrieben werden. Durch die instandhaltungsoptimierte Planung wurden gewohnte Standards der Langlebigkeit sowie des Komforts hinterfragt und für den Bedarf individuell neu bewertet. Über die Strategien der „Vermeidung von Instandhaltungsbedarfen“ durch erhöhte Materialleistung konnten z.B. an der Fassade durch den Naturstein und die hochdauerhafte Schaumglasdämmung langfristig hohe Umweltwirkungen gemindert werden. Eine ökologische Amortisation tritt hier nach ca. 70 Jahren ein. Die Nutzung von Reststoffen für die lokale Steingewinnung der Fassade erfolgte über den Dachkies. Im Bereich von Innenausbau und TGA wurde weitgehend die Strategie der „Vereinfachung von Instandhaltungsmaßnahmen“ favorisiert. Damit die langfristige „Mehrleistung“ des Gebäudes auch genutzt werden kann, wurde gleichzeitig die Mängel- und Schadstofffreiheit des Gebäudes planerisch sichergestellt.

Das Ergebnis ist eine auf vielen Ebenen nachhaltige Kirche.

 

News und Links zum Projekt

>> 25.2.16 - Propsteikirche St. Trinitatis gewinnt Sächsischen BDA-Preis und Balthasar-Neumann-Preis 2016
>> Projektdokumentation: Neubau Propsteikirche St. Trinitatis - Nachhaltige Planung von Kirchenbauten (DBU AZ 28590 / 01)
>> St. Trinitatis - Ein nachhaltiges Haus dem Schöpfer zur Ehre
>> 9.5.15 - Feierliche Einweihung der St. Trinitatis Kirche in Leipzig
>> ee concept betreut Masterarbeit an der TU Darmstadt zur ökologischen Sensitivitätsanalyse
>> Forschungsprojekt: Nachhaltigkeit durch Autarkie
>> Forschungsbericht zum Wettbewerbsverfahren (DBU, AZ 27141–25)
>> Forschungsprojekt: Nachhaltiger Wettbewerb Katholische Propsteipfarrei St. Trinitatis

 

Bautafel

Bauherr
Katholische Propsteipfarrei St. Trinitatis, Leipzig

Architekten
Schulz und Schulz, Leipzig
Entwurfsverfasser: Prof. Ansgar Schulz, Prof. Benedikt Schulz

Fachplaner
Akustik: Müller-BBM, Dresden
Bauphysik: Michael Lange, Berlin/ee concept, Darmstadt
Brandschutz: Brandschutz Consult, Leipzig
Freianlagen: r+b landschaft s architektur, Dresden
HLS-Planung: MLT Medien Licht Technik, Leipzig
Lichtplanung: Peter Andres Lichtplanung, Hamburg
Tragwerk: Seeberger Friedl, München/Büro für Baustatik, Leipzig

Nachhaltigkeitsberatung
ee concept, Darmstadt

Projektsteuerung
Petschow + Thiel Projektmanagement GmbH, Leipzig

Förderung des nachhaltigen Bauens
Deutsche Bundesstiftung Umwelt (DBU)