Manfred Hegger ✝

Prof. Dipl.-Ing. M. Sc. Econ, Gesellschafter

Tätigkeiten:
Wissenschaftlicher Beirat

* 1946 in Korschenbroich, ✝ 2016 in Kassel

Manfred Hegger ✝

Vita

Der Wegbereiter – Nachruf auf Manfred Hegger

Manfred Hegger vermochte es, Aufbruchstimmung zu erzeugen. Er war ein Entdecker, angetrieben von seiner großen Neugierde und der Absicht, Zukunft lebenswert zu gestalten. Unser gemeinsamer Weg – als wissenschaftliche Mitarbeiter, Doktoranden oder Studierende – nahm seinen Anfang im Jahre 2001 mit der Berufung von Professor Hegger und der Neugründung des Fachgebietes Entwerfen und Energieeffizientes Bauen an der TU Darmstadt. Von Beginn an gedieh der Aufbau des Fachgebietes intensiv und mit Nachdruck: Neben den Kernaufgaben eines Hochschullehrers, wie etwa das Curriculum zu entwickeln, Lehrveranstaltungen vorzubereiten und durchzuführen, Exkursionen zu begleiten, Sprechstunden anzubieten und an Gremienarbeit mitzuwirken, etablierte Prof. Hegger zugleich die ihm ebenso zentral erscheinende Arbeit an Forschungs- und Drittmittelprojekten, an Veröffentlichungen, der Netzwerkbildung und der baulichen Umgestaltung der Fachgebietsräume.

Im Rahmen der ersten Entwurfsaufgabenstellung – dem Neubau des Dreispartenhauses in Wuppertal – bleiben zwei Begebenheit in Erinnerung: Zum einen die inzwischen verblüffende Nachfrage eines Studierenden, ob es uns bei der Benotung eher auf eine „gute Gestaltung“ oder die „Ökologie“ ankomme. Und zum anderen die Prägnanz, mit der es Prof. Hegger vermochte, die Potentiale und Bedeutung des Themas in den Entwurfskorrekturen aufzuzeigen. Wie er den Suchraum vergrößerte: Mit den damals an der TU Darmstadt geläufigen Riegeln, Mäandern oder runden Ecken gab er sich erkennbar nicht zufrieden. Vielmehr berief er sich auf die Tänzerin Tina Bausch, wonach sinngemäß das Neue nur entsteht, wenn wir uns unabhängig von liebgewonnen Ausdrucksformen machen, wenn wir aufhören, uns (beim Entwerfen) sicher fühlen zu wollen. Die unbefangene Suche, die den Zielen des umweltfreundlichen und energieeffizienten Bauens dient, bildete auch den thematischen Einstieg der Fachgebiets-Webseite: „Unsere Betrachtungsweise verändert das Bild der Architektur. Denn die verfügbaren Mittel für Umweltschonung und Energieeffizienz sind zugleich die wesentlichen Ausdruckselemente der Architektur: Formgebung, Masse und Transparenz, Materialien, Texturen und Farben.“

In der Rückschau verbleibt ebenfalls besonders intensiv das Erlebnis, mit ihm an einem Buch zu schreiben. Professor Hegger formulierte außerordentlich gewandt. Beim Redigieren unserer Texte, immer mittels Duden-konformen Korrekturzeichen, waren seine Geschwindigkeit und der Umfang der Anmerkungen legendär. Wobei er mehrfach äußerte, dass es ihn hinreichend motiviert, wenn es gelingt, auch nur einen Leser zu erreichen. Er sah sich als Lernender unter Lernenden. Und diese Bescheidenheit war nicht aufgesetzt, sondern zeichnete ihn grundsätzlich aus. Bereits 1988 entstand eine seiner ersten wichtigen Fachveröffentlichungen „Vitale Architektur“. In den Jahren am Fachgebiet folgten den Standardwerken „Baustoff Atlas“ und „Energie Atlas“ noch viele weitere maßgebliche Publikationen.

Zu nationaler und internationaler Bekanntheit gelangte das Fachgebiet von Prof. Hegger mit dem Doppelerfolg beim Studierendenwettbewerb „Solar Decathlon“ in Washington D.C. in den Jahren 2007 und 2009. Bei dieser Aufgabenstellung fanden seine universellen Fähigkeiten und Begabungen kongenial zusammen: die des Hochschullehrers, mit dem des Wissenschaftlers, Entwicklers, Preisrichters, Autors, Managers, Netzwerkers, Beraters jedoch insbesondere mit dem des planenden und bauenden Architekten. Vor diesem Hintergrund bewirkte Manfred Hegger bei alle projektbeteiligten Mitarbeitern und Studierenden intrinsische Höchstleistungen. Auch der Jury-Bericht zum 2007er-Solarhaus verdeutlicht seine Überzeugungskraft: „First Place: Technische Universität Darmstadt, This team from Germany came to the Solar Decathlon hoping to have an impact on people, and it's safe to say that this happened.“

Der Nachbau des ersten Solarhauses reiste als Demonstrationsvorhaben durch zahlreiche Städte in Deutschland. Beide prämierten Originale wurden seither auf dem Campus von vielen Interessierten ausgiebig besucht. Denkwürdig ist auch noch immer die Helikopter-Landung der Bundeskanzlerin während ihrer Energiereise in Sommer 2010. Anschließend wurde der Besprechungstresen – im Zuge des Lehrstuhlumbaus bereits in extralanger Ausführung – bald zu kurz. In Spitzenzeiten beschäftigte Prof. Hegger am Fachgebiet rund 50 wissenschaftliche bzw. studentische Mitarbeiter und bearbeitete gleichzeitig umfangreiche Grundlagenfragen zum energieeffizienten und nachhaltigen Bauen.

Der Soziologe Hartmut Rosa hat kürzlich geschrieben, „dass es im Leben auf die Qualität der Weltbeziehung ankommt, das heißt auf die Art und Weise, in der wir als Subjekte Welt erfahren und in der wir zur Welt Stellung nehmen; auf die Qualität der Weltaneignung“. Von diesem Standpunkt aus betrachtet verfügte Manfred Hegger zweifelsohne über sehr gelingende Weltbeziehungen. Er war mit vielen und vielem in Resonanz. Dabei überraschte sein Tempo und Pensum wahrscheinlich jeden, der mit ihm zusammengearbeitet hat. Sein berufspolitisches Engagement u. a. als Präsident der Deutschen Gesellschaft für nachhaltiges Bauen, beim Bund Deutscher Architekten, dem Deutschen Städtetag, bei UN- oder EU-Arbeitsgruppen war außergewöhnlich. Er konnte an einem Tag in etlichen Städten sein und blühte bei Parallelterminen zusätzlich auf. Er vermochte es unmittelbar zum Kern einer Sache vorzudringen und das Wesentliche auf den Weg zu bringen. Dabei erschien Herr Hegger stets in sich ruhend, vermied jegliche Superlative. Außer bei – seiner Einschätzung nach – ungelenken Entwürfen oder Bauten, dann brach zuweilen ein „grauenhaft!“ aus ihm hervor.

Als Ausnahmeerscheinung – und um dieses Superlativ kommen wir nun nicht herum – ist es ihm mit seinen Kollegen vom Architekturbüro Hegger Hegger Schleiff (HHS) gelungen, kontinuierlich an den architekturrelevanten gesellschaftlich Fragestellungen zu arbeiten – vom „Ökologischen Bauen“ in den 1980er-Jahren, über das „Energieeffiziente Bauen“ in den 1990er-Jahren bis zum heute prägenden „Nachhaltigen Bauen“. Manfred Hegger ist nie verharrt, hat es sich nie unter dem Grasdach gemütlich gemacht. Diese Entwicklung und die ihm jeweils prägenden Themen sind noch immer aus den Vortragsfolien seiner Antrittsvorlesung aus dem Jahr 2002 abzulesen:

Bei den frühen Projekten in Kassel, wie dem Abenteuerspielplatz oder der Ökosiedlung aus dem Jahre 1982, standen ökologische Baustoffe (vor allem Holz und Lehm) sowie der partizipative Prozess im Zentrum der Betrachtung. Mit Energieoptimierung – in Form von Pufferzonen und solaraktiven, holographisch-optischen Verschattungselementen – setzte sich das Büro HHS bei den Experimentellen Solarhäusern der IGA ’93 in Stuttgart intensiv auseinander. Auch das heute noch selbstgenutzte Passivhaus-Bürogebäude entstand in dieser Phase. Die Beschäftigung zur Materialeffizienz und Umweltgerechtigkeit kennzeichnet die beiden Projekte in Hamm: Das „Ökozentrum“ mit der vorgefertigten Peselnik-Dachkonstruktion von 1996 und das „Gründerzentrum“ von 1998 mit den wiederverwendeten Klinkern sowie dem gebäudehohen, fassadenintegriertem Luftkollektor.

Eines der weltweit ersten und im Jahr 1999 leistungsfähigsten Plusenergiegebäude, der „Fortbildungsakademie Mont-Cenis“ in Herne, nimmt in dem Werk nochmals eine Sonderstellung ein. In Kooperation mit den französischen Architekten Jourda und Perraudin entstand auf dem ehemaligen Zechengelände eine große mikroklimatische Hülle die etwa der mediterranen Zone von Saint-Tropez entspricht. Die darin eingestellten, und somit konstruktiv sehr einfachen, Holzbaukörper erschaffen eine ganz eigene Sphäre. Die Pionierleistung wird auch daran ersichtlich, dass etwa zwei Jahresproduktionen der damals verfügbaren Photovoltaik-Glas-Module aus Deutschland in Fassade und Dach verbaut wurden. Spätestens ab diesem Projekt wurde deutlich, dass es möglich ist umweltförderliche und energiegewinnende Gebäude zu realisieren, die Baukultur und Nachhaltigkeit vereinen. Auch die jüngsten Projekte, wie der Energiebunker 2013 in Hamburg oder das 2015 fertiggestellte Aktiv-Stadthaus in Frankfurt am Main, sind in diesem Geist ausgebildet.

Manfred Hegger war davon überzeugt, dass wir nicht vor einem Wissensdefizit, sondern einem Umsetzungs- oder Handlungsdefizit stehen. In seinem bedeutsamen Essay „Die richtigen Dinge tun – über Effizienz und Nachhaltigkeit“ bemerkte er: „Die Aufgabe ist keine geringere, als die materielle Grundlage unserer Zivilisation umzugestalten. Die große Barriere liegt in unseren Köpfen – wir können uns eine nachhaltige Zukunft, nachhaltiges Bauen für die Zukunft noch nicht vorstellen. Auf einem Planeten mit viel Armut ist der Mangel an Vorstellungskraft die größte Armut. An diese Armut dürfen wir uns nicht gewöhnen. Architekten und Ingenieure haben beste Voraussetzungen, die Bausteine einer nachhaltigen, besseren Zukunft zu entwickeln, zu visualisieren und in den großen, globalen Zusammenhang zu stellen, nicht als Tagträumerei, sondern wie Städte und Häuser als Ganzes sowie im Detail aussehen könnten.“

Professor Manfred Hegger, unser Mit-Gründer und Mit-Gesellschafter, ist viel zu jung im Alter von 70 Jahren am 29. Juni 2016 in seinem Zuhause in Kassel verstorben. Er hat unsere Welt geprägt.

Die Geschäftsleitung der ee concept,
im Namen aller Kolleginnen und Kollegen

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